Wohnungsnot - Städte gehen gegen AirBnB vor
Airbnb zwischen Boom und Widerstand - Wie Städte gegen die Plattform vorgehen
Airbnb hat das Reisen einfacher und günstiger gemacht. Gleichzeitig wächst weltweit der Widerstand: Berlin, Paris und New York regulieren die Kurzzeitvermietung, Barcelona will die Plattform sogar komplett verbieten. Doch was steckt hinter diesen Maßnahmen – und lösen sie wirklich die Wohnungsprobleme?
Tourismusboom und Wohnungsnot in Barcelona
Carme Arcarazo kennt Barcelona seit ihrer Kindheit. Heute erkennt die Wohnraumforscherin ihre Heimatstadt kaum wieder. Was früher eine geschäftige Hafen- und Industriestadt war, ist seit den Olympischen Spielen 1992 ein globaler Touristenmagnet. Altstadt, Strände und die neu gestalteten Superblocks ziehen jedes Jahr Millionen Besucher an.
Doch der Erfolg hat Schattenseiten. Bäckereien und Handwerksbetriebe verschwanden, Souvenirshops und Ketten zogen ein. Für die 1,7 Millionen Einwohner wurde das Leben teurer: Seit 2015 sind die Mieten um rund 68 Prozent gestiegen. Allein 2024 kamen 16 Millionen Touristen nach Barcelona – viele von ihnen übernachten in Airbnb-Wohnungen. Laut offizieller Zählung gibt es etwa 10.000 Angebote, Aktivisten wie „Inside Airbnb“ sprechen von fast doppelt so vielen. Damit sind fünf bis zehn Prozent des Mietwohnungsmarkts den Bewohnern entzogen.
Die Folgen sind sichtbar: Protestbanner an Hausfassaden, Demonstrationen gegen Touristen, sogar Angriffe mit Wasserpistolen auf Cafébesucher. Die Botschaft: Die Stadt ächzt unter dem Massentourismus.
Airbnb – vom Start-up zum Tourismusgiganten
Gegründet 2007 in San Francisco, um günstige Betten für Konferenzbesucher zu vermitteln, ist Airbnb heute ein börsennotiertes Unternehmen mit mehr als elf Milliarden Dollar Jahresumsatz. Acht Millionen Unterkünfte in 240 Ländern stehen über die Plattform bereit.
Europa ist besonders wichtig: Fast ein Viertel aller Übernachtungen läuft inzwischen über Plattformen wie Airbnb, Booking.com oder ähnliche Anbieter. Damit geraten sie nicht nur in Konflikt mit Anwohnern und Politik, sondern auch mit der klassischen Hotellerie.
Konkurrenz für Hotels
Besonders die Hotelbranche sieht sich durch Airbnb unter Druck gesetzt. Reisende, die sonst ein Hotel gebucht hätten, weichen auf günstigere oder flexiblere Privatwohnungen aus. Für Gruppen oder Familien bedeutet dies oft erhebliche Einsparungen. Eine Studie der Wharton School zeigte, dass Gäste in US-Großstädten pro Buchung durchschnittlich 91 Dollar sparen.
Für Hotels heißt das: sinkende Auslastung, vor allem in der Mittelklasse. Luxushotels bleiben weniger betroffen, da ihre Zielgruppen besonderen Service erwarten. Doch kleinere Häuser und Familienbetriebe geraten zunehmend ins Hintertreffen. Hinzu kommt der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung: Während Hotels strengen Auflagen, Steuerpflichten und Sicherheitsstandards unterliegen, konnten Airbnb-Anbieter ihre Unterkünfte lange ohne vergleichbare Pflichten vermieten.
Dieser Druck hat die Hotellerie vielerorts in die Krise gestürzt. Branchenvertreter fordern daher gleiche Spielregeln – etwa Registrierungs- und Steuerpflicht für alle Anbieter. Erst seit Kurzem greifen viele Städte und Länder solche Forderungen auf.
Regulierung in Metropolen
Viele Städte reagieren auf die negativen Folgen – sowohl für Anwohner als auch für Hotels.
- New York erlaubt Kurzzeitvermietungen nur noch, wenn der Anbieter in der Wohnung lebt – ein De-facto-Verbot.
- Paris begrenzte die Vermietdauer auf 90 Tage pro Jahr.
- Portugal vergibt kaum noch neue Lizenzen.
- Spanien nahm 65.000 illegale Angebote vom Markt.
Am weitesten geht Barcelona: Seit 2014 werden keine neuen Lizenzen vergeben, bis 2028 sollen alle bestehenden auslaufen. Dann wäre Airbnb aus der Stadt verschwunden. „Die Wohnungsnot ist extrem, die Leute sind verzweifelt“, sagt Arcarazo.
Besonders betroffen sind das Gotische Viertel und die Umgebung der Sagrada Familia. In manchen Straßenzügen ist jede zehnte Wohnung bei Airbnb gelistet. Ökonom Josep Lladós von der Universität Katalonien beschreibt, wie Anwohner verdrängt und Mieten selbst in Randbezirken in die Höhe getrieben wurden. Denn: Mit einem Sommermonat Kurzzeitvermietung lässt sich mehr verdienen als mit einem Jahresmietvertrag.
Vom Sharing-Modell zum Geschäft für Profis
Die Kritik richtet sich vor allem gegen kommerzielle Anbieter. Zwei Drittel der Airbnb-Unterkünfte in Barcelona gehören sogenannten Multi-Gastgebern, die gleich mehrere Wohnungen verwalten. Unternehmen wie Ukio, Acomodis oder SweetInn betreiben hunderte Apartments – weit entfernt von der ursprünglichen Idee des „Wohnungsteilens“. Airbnb selbst verweist dagegen auf andere Märkte. Laut Europachefin Kathrin Anselm sind in Deutschland 76 Prozent der Gastgeber Privatpersonen, die gelegentlich ein Zimmer oder ihre Wohnung untervermieten. 90 Prozent bieten nur eine einzige Unterkunft an. Für Studenten, Alleinerziehende oder Rentner sei Airbnb eine Möglichkeit, Einkommen aufzubessern oder Leerstand sinnvoll zu nutzen.
Positive Effekte für Reisende und Gastgeber
Ökonomen betonen, dass Kurzzeitvermietungen durchaus Vorteile haben. Haushalte können sich durch Untervermietung finanzielle Freiräume schaffen. Für viele Menschen ermöglicht die Plattform, ihre Wohnung zu behalten, wenn das Einkommen nicht reicht. Auch Reisende profitieren: Gruppen und Familien finden günstige Unterkünfte, oft mit mehr Platz als im Hotel. Zudem nutzen viele Airbnb, die sonst gar nicht verreist wären. Kritiker sehen darin wiederum ein Problem: Es lockt zusätzliche Touristen in ohnehin überfüllte Städte.
Einfluss auf die Mietpreise
Die Forschung zeichnet ein gemischtes Bild.
- Eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts fand für Deutschland keine signifikanten Effekte.
- Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kam für Berlin zu anderen Ergebnissen: In einem Radius von 500 Metern um gewerblich genutzte Airbnb-Wohnungen stiegen die Mieten um 13 bis 24 Cent pro Quadratmeter. Für Haushalte mit kleinem Budget summiert sich das auf 30 bis 50 Euro im Monat.
Dazu kommen indirekte Effekte: Wenn kleine Läden verschwinden und teurere Restaurants oder Supermärkte nachziehen, steigen die Lebenshaltungskosten in den Vierteln weiter.
Verbote oder Regulierung?
Ökonom Tomaso Duso warnt vor radikalen Schritten wie in Barcelona: „Solche Maßnahmen bringen dem Wohnungsmarkt wenig, zerstören aber die positiven Effekte.“ Sinnvoller seien Regeln, die eine begrenzte Nutzung erlauben. Beispiele:
- San Diego gestattet je nach Stadtviertel nur 1 bis 30 Prozent Kurzzeitvermietungen.
- Berlin, Amsterdam und Paris setzen auf zeitliche Obergrenzen (z. B. max. 90 Tage pro Jahr).
Damit wird die dauerhafte Umwandlung von Wohnungen in Ferienapartments unattraktiv, während gelegentliches Vermieten erlaubt bleibt.
Problematisch sind jedoch illegale Angebote: Allein in Berlin soll es laut Schätzungen bis zu 30.000 unerlaubt vermietete Wohnungen geben – fast doppelt so viele wie jährlich neu gebaut werden. „Das ursprüngliche Couchsurfing-Modell ist unstrittig“, sagt Martin Pallgen von der Senatsverwaltung, „unser Problem ist die gewerbsmäßige Vermarktung.“
EU-Regeln und Airbnbs neue Strategie
Ab 2025 tritt eine EU-Verordnung in Kraft, die Anbietern klare Grenzen setzt. Plattformen dürfen nur noch Wohnungen mit offizieller Registrierungsnummer listen und müssen Buchungsdaten regelmäßig an die Behörden weitergeben. Das dürfte die Zahl illegaler Angebote deutlich verringern.
Airbnb selbst will sein Geschäft breiter aufstellen: Neben Unterkünften sollen künftig auch Erlebnisse wie Konzerte oder Dienstleistungen angeboten werden. Konzernchef Brian Chesky kündigte an, dass dies ein neues Wachstumsfeld werden könnte – möglicherweise eine Reaktion auf die zunehmenden Einschränkungen im Kerngeschäft.
Löst ein Verbot das Wohnungsproblem?
Obwohl Airbnb in Barcelona massiv reguliert wird, sind Experten skeptisch, ob dies den Wohnungsmarkt spürbar entlastet. Josep Lladós verweist auf die eigentlichen Ursachen:
- Spanien hat mit nur zwei Prozent den niedrigsten Sozialwohnungsanteil der OECD.
- Geografische Grenzen zwischen Meer und Gebirge erschweren Neubauten.
- Nach der Finanzkrise kauften Investoren große Immobilienbestände, oft mit Renditeerwartungen, aber ohne Bindung zur Stadt.
- Ausländische Käufer treiben zusätzlich die Preise für Ferienwohnungen.
- Drei Viertel der Wohnungen in Barcelona sind Eigentum und kommen gar nicht auf den Mietmarkt.
Airbnb, so Lladós, habe diese Probleme nicht verursacht, aber verschärft: „Es hat lediglich einen weiteren Scheit ins Feuer gelegt.“
Sollte die Plattform 2028 verschwinden, würden die meisten Apartments verkauft oder in mittelfristige Vermietung (zwei bis sechs Monate) übergehen. Nur wenige kämen regulär auf den Mietmarkt. „An der strukturellen Wohnungsnot würde sich fast nichts ändern“, sagt Lladós.
Fazit
Airbnb hat das Reisen revolutioniert – flexibler, günstiger und oft persönlicher. Gleichzeitig verschärft die Plattform in beliebten Städten bestehende Probleme: steigende Mieten, Verdrängung von Anwohnern, Druck auf die Hotellerie und Überlastung durch Touristen.
Ob Verbote wie in Barcelona oder strenge Regeln wie in Paris und Berlin: Klar ist, dass Städte Wege finden müssen, Kurzzeitvermietung zu steuern. Denn die eigentlichen Ursachen der Wohnungsnot – fehlender Sozialwohnungsbau, Investoreninteressen und begrenzter Raum – lassen sich durch das Ende von Airbnb allein nicht lösen.
Quelle: brandeins.de
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